Mona Ragy Enayat wächst in Kairo in einer Künstler:innenfamilie auf und studiert dort Malerei und Kunstgeschichte. Sie bewirbt sich in München und in Leipzig um ein Aufbaustudium und wird an beiden Orten angenommen. Sie entscheidet sich für Leipzig, dort beginnt sie 1988 ihr Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB).  1989 schließt sie sich den Demonstrationen in Leipzig an.

Warum Leipzig?

Mona Ragy Enayats stammt aus einer Familie, in der es viele Künstler:innen gibt. Auch sie interessiert sich sehr für Malerei, will die Familientradition fortführen. Mit siebzehn Jahren beginnt sie an der Fakultät der Schönen Künste der Helwan-Universität Cairo  Malerei, Kunstgeschichte und Theaterdekoration zu studieren. Nach fünf Jahren macht sie ihren Abschluss und wird als beste Absolventin ihrer Universität ausgezeichnet. Doch sie ist unzufrieden mit der Situation im Land. Sie bewirbt sich in Leipzig und in München um ein Kunststudium. Beide Hochschulen nehmen sie an. Also muss sie sich entscheiden: Ost oder West? Sie kennt Leipzig als „Buchstadt“, weiß, dass die Ausbildung an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) sehr renommiert ist und ihr die Art der Ausbildung zusagt. Auch wenn ihr viele davon abraten, in die DDR zu gehen, entscheidet sie sich dafür. Sie sieht es auch als eine Entscheidung für ihre Ideale und gegen materielle Interessen. Zudem hat sie ja immer die Möglichkeit, nach Ägypten zurückzugehen.

Deutsch Lernen im Herder Institut

Mona Ragy Enayat hat schon in Ägypten intensiv Deutsch gelernt. Zuerst heißt es, sie braucht vor dem Kunststudium nur einen dreimonatigen Deutschkurs zu absolvieren. Doch dann soll sie noch zehn Monate Marxismus-Leninismus studieren. Mona wehrt sich: „Ich sagte, ich kann es nicht akzeptieren, zehn Monate  nicht zu malen, man hätte mir das vorher sagen müssen“. Schließlich kann sie durchsetzen, nach drei Monaten mit dem Studium zu beginnen.

Internationales Studierendenwohnheim

Die ausländischen Studierenden wohnen im gleichen Wohnheim. Sie bekommen 300.- Mark Stipendium, das ist zu wenig, um hin- und wieder ihre Eltern anrufen zu können. Um zu sparen, geht sie beispielsweise nicht zum Frisör, erstmals im Leben hat sie lange Haare. Das Zusammenleben im Wohnheim gefällt ihr, sie bekommt ein Zwei-Bettzimmer, üblich waren Vier-Bettzimmer mit je 2 Doppelstockbetten. In jeder Etage gibt es eine Gemeinschaftsküche und ein Bad. Mona freundet sich mit einer Studentin aus der Mongolei an, ihr Zimmer teilt sie mit einer anderen Ägypterin. Oft sprechen sich die Leute im Wohnheim mit den Namen der Herkunftsländer an.

 

Afghanistan hast du Salz? Mongolei braucht es für die Tomatensauce.

Mona Ragy Enayat, Leipzig 2022

Musik und Tanz

Mona Ragy Enayat hat aus Ägypten ihr Instrument, die Oud, mitgebracht. Auch in Ägypten trat sie schon als Musikerin auf. Zu ihrer Freude kann sie das in der DDR fortführen. Das Herder-Institut organisiert unter den internationalen Studierenden verschiedenen Musik- und Tanzgruppen, die als Ensemble der Solidarität an verschienen Orten in Leipzig auftreten. World Family heißt der Zusammenschluss, die Studierenden spielen Stücke aus den verschiedenen Herkunftsländern, tanzen in traditioneller Kleidung. Für Mona Ragy Enayat ist die World Family wie ein zweites Zuhause, interkulturelle Begegnungen sind ihr wichtig.

 

 

Ärger über Ungerechtigkeiten

Trotz aller Privilegien und grundsätzlichen Zufriedenheit ärgert sich Mona Ragy Enayat über bestimmte Verhaltensweisen. Wenn sie Briefe von ihrem Vater bekommt, sind sie aufgeschnitten; sie erwischt die Wohnheimleitung, wie sie in ihrem Zimmer herumschnüffelt. Sie stößt auf strukturelle Ungerechtigkeiten: Mit ihrem ägyptischen Pass darf sie nach West-Berlin reisen, ihrer Freund:innen dürfen das nicht. Zuerst will sie aus Solidarität darauf verzichten, doch die anderen erklären sie für wahnsinnig.

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Mona Ragy Enayat, Leipzig 2022

Montagsdemonstrationen in Leipzig

Erst ein Jahr lebt Mona Ragy Enayat in der DDR und sie glaubt auch nicht, dass sie bleiben wird. Dennoch: Es ist ihr klar, sie unterstützt ihre Freund:innen im Herbst 1989 und geht mit ihnen auf die Straße. In ihrem Atelier malt sie mit ihren Freund:innen Plakate und Transparente, sie ist Teil der Bewegung, immer montags bei den Demonstrationen.

Ohne Perspektive

Mit der Wende verliert Mona ihr Stipendium. Die Organisation, die sie zum Studium eingeladen hat, verliert ihre Mittel. Zuerst will sie das Studium abbrechen und nach Ägypten zurückkehren. Sie hat gar kein Geld, sieht keine Perspektive mehr für sich als Nicht-Deutsche im vereinigten Deutschland. Ihre Dozent:innen und Kommiliton:innen überreden sie zu bleiben: Sie hat so tolle Werke begonnen, gehört dazu! Also sucht sie sich Jobs, um das Studium zu finanzieren. Sie arbeitet morgens bei der Post und nach den Kursen an der HGB als Gardefrau im Opernhaus. Sie arbeitet bis zum Zusammenbruch, es ist zu viel.

Diplom – trotz allem

Mona Ragy Enayat erfährt viel Solidarität an der HGB. Ihre Professoren ermutigen und unterstützen sie, trotz der schwierigen Situation ihr Studium abzuschließen. Schließlich erhält sie auch ein neues Stipendium und kann 1992 ihr Studium als Meisterschülerin bei Rolf Kuhrt mit einem Diplom als Grafikerin abschließen.

 

Mona Ragy Enayat lebt und arbeitet als Künstlerin in Leipzig.

Credits:
Das Interview führte Nguyễn Phương Thúy 2022 in Leipzig.
Text: Isabel Enzenbach
Recherche und Rechercheprotokoll der Fotos:Nguyễn Phương Thúy