Annette Hannemann wächst in den Siebziger Jahren bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Gemeinsam mit ihrem Bruder leben sie in einem kleinen Dorf nahe Görlitz. Ihren kamerunischen Vater trifft sie erst mit vierzehn Jahren. Sie wird eine leidenschaftliche Musikerin.

Eine Kindheit auf dem Land

Die Eltern von Annette Hannemann lernen sich bei einem Ernteeinsatz während der Semesterferien kennen. Edouard Yalla Ombiono studiert Maschinenbau in Magdeburg, Johanna Wiesner an der Pädagogischen Hochschule in Wüstrow. Wie fast überall in der DDR fehlen auch in der Landwirtschaft Arbeitskräfte. Deshalb werden vor allem junge Erntehelfer:innen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen rekrutiert. Für Studierende wie Annettes Eltern dauert der Einsatz bei der Kartoffelernte in Leitzkau drei Wochen. Zwischen Edouard und Johanna entwickelt sich eine Sommerliebe. Von der daraus entstandenen Schwangerschaft erfährt Edouard bis zur Geburt nichts.

Dorfleben

Johanna Wiesner entschließt sich, das Kind allein großzuziehen. Annette wächst in Kreba-Neudorf auf, einem kleinen Ort westlich von Görlitz. Ihre Mutter arbeitet als Lehrerin an der Dorfschule. Annette beschreibt ihre Kindheit als eine glückliche Zeit. Sie genießt das Aufwachsen in der ländlichen Umgebung im familiären Kontakt zu Onkel und Tanten und den Großeltern. Dass sie als Schwarzes Kind anders aussieht, scheint zunächst keine Rolle zu spielen. Allerdings wird sie oft von der Mutter ermahnt: Sie muss immer alles richtig machen, hat stets zu grüßen und ganz besonders höflich zu sein. Sie soll gut sein in der Schule und soll die Mutter nicht blamieren. Wenn sie schon auffällt, dann positiv. „Ich bin mit dem Druck groß geworden, und es war zum Teil belastend. Das hat mich schon angekotzt. Ich wäre manchmal gerne ausgebüxt, was ich ja dann später auch konnte“, sagt Annette.

Wir wollten unbedingt Pioniere werden. Wir wollten natürlich dazugehören.

Annette Hannemann, August 2022

Wie die meisten Kinder in der DDR ist auch Annette Hannemann in der sozialistischen Jugendorganisation Thälmannpioniere und später der FDJ (Freie Deutsche Jugend) organisiert. Ihr Erkennungszeichen sind blaue und rote Halstücher und später die blaue FDJ-Bluse. Die einzigen im Dorf, die dort nicht eintreten, sind die Kinder der Pastoren.

Auf dem Dauerzeltplatz

Als Annette fünf Jahre alt ist, wird ihr Bruder Boris geboren. Annette ist sehr gerne eine große Schwester. Im Sommer verbringt die Familie die Wochenenden auf ihrem Dauerzeltplatz in Quitzdorf. Jedes Frühjahr wird das Zelt am gleichen Platz aufgebaut. Auch zu Hause in Kreba-Neudorf sind die beiden Geschwister viel draußen unterwegs.

Annette wird Musikerin

Mit dreizehn Jahren beginnt Annette Hannemann, Geige zu lernen. Die Geigenlehrerin in Görlitz erkennt ihr Talent, unterstützt und ermutigt sie. Sie empfiehlt ihr die Spezialschule für Musik in Dresden. Nach nur einem Jahr Geigenunterricht besteht Annette die Aufnahmeprüfung. Damit öffnet sich die Tür in eine neue Welt.

Annette Hannemann erzählt, wie die Musik ihr Leben verändert.

Umzug nach Dresden

Von nun an wohnt Annette Hannemann unter der Woche im Internat in Dresden. Viele der angehenden Musiker:innen auf der Spezialschule sind weniger angepasst als die Menschen auf dem Dorf. Für Annette ist es eine Befreiung. Sie träumt davon, im Orchester zu spielen, aber diese Möglichkeit bekommt sie als junge Schwarze Frau nicht. Für sie ist eine Ausbildung zur Musiklehrerin vorgesehen.

In den Sommerferien verdient sich Annette als Betreuerin im Ferienlager etwas Geld. Ihre Geige hat sie bei den Reisen nach Polen immer dabei. Sie genießt die Atmosphäre und spielt abends am Lagerfeuer ihre ersten Konzerte.

Zwischen Zeltlager und Bühne

1982 beginnt Annette Hannemann ihr Studium an der Hochschule für Musik in Dresden. Im zweiten Studienjahr fährt die ganze Klasse ins sogenannte ZV-Lager. Wehrerziehung ist obligatorischer Bestandteil der Schulausbildung in der DDR. Im Lager für Zivilverteidigung“ erhalten die Jugendlichen eine militärische Basisausbildung. Sie müssen zum Morgenappell antreten, marschieren, Geländeläufe absolvieren und mit dem Luftgewehr schießen. Weil Annette als Stubenälteste nicht ausreichend für Disziplin sorgt, erhält sie einen Verweis. Man droht ihr mit Exmatrikulation. Sie lässt sich nicht einschüchtern. Inzwischen hat sie Kontakte zu den Tanzmusiker:innen der Schule geknüpft und Bühnenluft geschnuppert. Als Sängerin tritt sie mit ihnen häufig bei Konzerten auf.

Der Vater

Edouard Yalla Ombiono erfährt erst nach Annettes Geburt, dass er Vater ist. Er nimmt Kontakt zur Mutter auf und sieht Annette unregelmäßig, bis sie drei Jahre alt ist. Danach bricht der Kontakt ab. Zehn Jahre später kommt ein Brief von ihm. Er lebt inzwischen in Westberlin. Annettes Mutter vereinbart ein gemeinsames Treffen in Ostberlin. Annette ist vierzehn Jahre alt, als sie ihren Vater zum ersten Mal bewusst trifft.

Annette Hannemann erzählt von der Begegnung mit ihrem Vater.

Annette und ihr Vater halten von nun an Kontakt. Beide schreiben sich regelmäßig lange Briefe. Er schickt auch manchmal Pakete, besorgt im Westen die teuren Saiten für die Geige. Sie halten den Kontakt, bis er 1988 nach Kamerun zurückgeht. Der Kontakt zum Vater verliert sich. Erst viel später erfährt sie über die kamerunische Community, dass er 2007 verstorben ist.

1988 wird auch Annettes Sohn Benni geboren. Annette ist stolze und glückliche Mutter. Ihr Partner ist auch Musiker und viel unterwegs. Annette bleibt in den Neunziger Jahren beim Kind und arbeitet als Musiklehrerin zunächst in Görlitz.

2007 gründet Annette Hannemann den Gospelchor ROY.Ombiono (Roots of Yalla Ombiono), ohne zu wissen, dass ihr Vater in diesem Jahr verstarb. Heute lebt sie in Dresden. Sie unterrichtet und tritt in verschiedenen Konstellationen und Projekten als Sängerin auf.

Credits:
Das Interview führte Nguyễn Phương Thúy 2022 in Dresden.
Text: Julia Oelkers
Recherche und Rechercheprotokoll der Fotos: Nguyễn Phương Thúy
Konzept Videoschnitt:
Julia Oelkers